Im Berliner Gebet-Automaten

Sonntag, der 12. Januar 2014 @ 15:46

In der Moabiter Arminiusmarkthalle schiebt Bernd der Hausmeister eine Sackkarre an der kleinen Kabine vorbei, in der man auf 64 Sprachen das finden kann, was größer sein soll als jeder Mensch: das Göttliche. Bernd sieht wie Lisa, die Fotografin, und ich die Kabine neugierig betrachten. Er sagt: „Die könnt ihr mitnehmen, die ist großer Müll.“ Er würde uns auch seine Sackkarre zu diesem Zweck überlassen.

Die Kabine heißt offiziell „Gebetomat“. In ihr kann man sich 300 Gebete aus Dutzenden Religionen anhören – und sie soll der kleinste spirituelle Raum sein, ein Platz, um an Bahnhöfen, in Kaufhäusern oder Parks in sich zu kehren.

„Weißt du, was am Besten wäre?“, fragt Bernd mich. „Wenn mal einer eine Nummer da drin schieben würde und jemand ein Foto davon macht, das sie dann in der Bild-Zeitung bringen… Ruck-Zuck wäre das Ding weg.“ Bernd scheint nicht viel vom Göttlichen zu halten. Ich verstehe nicht ganz, warum. Denn die Kabine stört eigentlich niemanden, wie sie da unter den drei spitz zusammen laufenden Fenstern im Seitenschiff der Markthalle steht. Aber Bernd ist wohl einfach ein echter Berliner.

Berlin ist die Kapitale der Gottlosen

Denn in dieser Stadt geht man aus, aber kehrt nirgendwo ein. Die Moderne und der real existierende Sozialismus haben hier ganze Arbeit geleistet: In der Erinnnerung der Menschen wird es für lange Zeit keine Stadt auf Erden mehr geben, in der so wenig gebetet wurde wie in Berlin nach dem Mauerfall. Es ist die Kapitale der Gottlosen. Nur langsam, und kaum bemerkbar schiebt sich das Religiöse in Form von zeitgeistigen Freikirchen wieder in die Mitte der Gesellschaft.

Ich aber schiebe mich jetzt erst einmal in den Gebetomat, der einem Fotoautomat ähnelt. Darin: Ein kleiner Hocker, vor mir ein berührungsempfindlicher Bildschirm, auf dem ich auswählen kann, was über die zwei Lautsprecher erklingen soll. Ich ziehe den Vorhang zu. Er schottet mich nur leidlich von der lärmenden Markthalle ab. Ich wähle ein buddhistisches Gebet aus Tibet. Es heißt: „Until Supreme Illumination“. Murmelnde Männerstimmen erklingen, werden immer lauter, ganz sachte, vor meinen Augen sehe ich den blauesten Himmel, graue Berge und gelbe Felder, ich sehe den Himalaya und die Markthalle lärmt nicht mehr. Als das Gebet zu Ende ist brauche ich einen Moment, um mich wieder zu besinnen.

Weiter geht es mit einem hinduistischen Gebet. Aber das schalte ich nach ein paar Minuten wieder ab, es nervt. Bei ein Requiem zu Ehren des toten Papst Johannes Paul II. kann ich mir den Priester, der das Gebet spricht, vorstellen: er ist alt und rigide. Sein Gebet ist schwülstig. Erst ein gesungenes Gebet russisch-orthodoxer Christen zieht mich wieder aus meiner ziemlich weltlichen Nörgelei in den Raum der Heiligkeit. Dieses Gebet höre ich bis zum Ende und denke dabei an gar nichts, sondern bin einfach bei mir, und das ist, glaube ich, sowieso der Zweck der Einkehr, und nicht ein Kurztrip in den Himalaya.

Der Hausmeister sagt über den Gebet-Automaten: „Diese Kiste klaut noch nicht einmal einer.“

Der Gebetomat funktioniert also. Aber er hat ein entscheidendes Problem: Wenn man bereit ist zur Einkehr, und Entspannung sucht, wird man sich nicht in eine enge Kabine mit Stahlwänden setzen, man wird in die Kirche gehen, am Fluss Musik hören, wird im Park dösen, im Atelier malen oder auf einem Feld Wolken beobachten. Und wenn man nicht bereit ist dazu, wird man einfach wie Bernd der Hausmeister an dem Gebetomat vorbeigehen, gerne auch mehrmals am Tag, mit Sackkarre oder ohne, und wird jedes Mal leise vor sich hinfluchen: „Diese Kiste klaut noch nicht mal einer.“

Dieser Text entstand für Zitty, 02/2014.  Die Fotos stammen von Lisa Wassmann.

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