Warum wir auf den Nahostkonflikt starren

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Über Israels Koalitionsverhandlungen lesen wir alles, über die Millionen Tote im Kongo gar nichts. Der Nahostkonflikt ist die Obsession des Westens. Ein Erklärungsversuch.

Sie sind besessen. Das weiß ich, weil Sie diesen Artikel gerade freiwillig beginnen zu lesen; einen Artikel, der davon handelt, warum Leute wie Sie nicht aufhören können zu klicken, zu kommentieren und zu debattieren, wenn es um den Nahostkonflikt geht. Sie fühlen sich jetzt bestimmt ertappt. Keine Sorge, mir geht es genauso.

Wieviele Artikel haben wir schon zu diesem Konflikt gelesen, wie viele Bücher? Die Stunden, die wir im Geiste in Gaza, Bethlehem und Tel Aviv verbracht haben, haben wir nicht in unseren Gärten verbracht oder tauchend Unterwasser. Vielleicht wären Sie jetzt schon ein berühmter Rosenzüchter und ich könnte schon meinen 100. Tauchgang feiern, wenn wir nur von diesem Konflikt ablassen könnten.

Wir lesen über Tzipi Livnis Eintritt in die neue Regierung von Netanjahu, über Bürobrände bei mittelmäßigen Jerusalemer Fußballclubs und über unbezahlte Wasserrechnungen einer Kirche in der Jerusalemer Altstadt. So übersehen wir die anderen Konflikte der Welt. Wir googlen nicht nach dem Krieg im Kongo und interessieren uns nicht für die Friedenverhandlungen dort.

Der Nahostkonflikt beherrscht seit Jahrzehnten die Nachrichtenspalten

Der Nahostkonflikt hat es geschafft, eine eigene Art Relevanz zu produzieren.

Liegt es an der Erde im Nahen Osten? Die soll ja bekanntlich “heilig” sein, aber glauben Sie mir, ich habe gerade nochmal nachgeschaut, die Erde hier sieht genauso aus wie in, sagen wir einmal, der Türkei. Wann haben Sie denn eigentlich die letzte Doku über die Türkei geschaut?

Vielleicht sind die Medien schuld, mit ihren 24/7-Nachrichtenzyklen, Livetickern und Blitz-Analysen? Die Medien, die Leute immer wieder mit der Nase auf den Nahostkonflikt stoßen? Aber Medien richten sich nach dem Interesse ihrer Leser und Zuschauer – und wir prahlen vielleicht vor unseren Freunden damit, dass wir wirklich umfassende Analysen zum Konflikt in Nagorno-Karabakh vermissen würden, aber lesen würden wir Geschichte dann doch nicht. Das Medien-Argument ist wie eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißen will: jeder applaudiert, wenn er es sieht, dauerhaft relevanter wird es dadurch allerdings nicht.

Es gibt Konflikte, die dauern genauso lang und forderten mehr Opfer

Selbst unsere Vergangenheit ist kein konklusives Argument – auch, wenn es so scheint. Wir könnten sagen: “Weil Deutschland für den Tod von 6 Millionen Juden verantwortlich ist und der restliche Westen den zionistischen Ball erst richtig ins Rollen brachte, schauen diese Länder auch heute noch auf die Region.” Das stimmt natürlich, gerade im Falle von Deutschland, aber nicht mit aller Zwangsläufigkeit. Der Kashmir-Konflikt in den ehemaligen britischen Kolonien Indien und Pakistan findet kaum Erwähnung, Sri Lankas Bürgerkrieg nicht und über Namibia, in dem deutsche Kolonisten einst 70.000 Menschen ermordeten, hören wir auch nur wenig. Die Verantwortung des Westens erklärt es nicht allein.

“Dieser Konflikt dauert schon so lange”, könnten Sie jetzt einwenden. “Deswegen beschäftigen wir uns damit!” Wirklich? Der Aufstand der Karen-Rebellen in Myanmar begann 1949, nur ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Krieg. Sie könnten wahrscheinlich alle israelischen Premierminister in korrekter Reihenfolge aufzählen, aber kaum erklären, wer die Karen eigentlich sind. Könnte ich auch nicht. Es geht hier nicht um Dauer .

“Ständig gibt es Tote !”, wäre ein wichtiges Argument – und es stimmt auch. Hier sterben viel zu viele Menschen. Seit Beginn der 1. Intifada waren es laut der israelischen NGO B’Tselem rund 10.500. Aber im Kongo waren es seit 1998 rund 3.000.000 Menschen.

Warum also Gaza statt Garten?

Die Sicherheit von Israels Demokratie und die Exotik Palästinas – der Nahe Osten ist ein Reportertraum

Gerade weil der Nahostkonflikt vergleichsweise wenig Opfer fordert. Das ist eine banale, praktische Vorraussetzung für eine intensive Berichterstattung. Israel und Palästina sind fremd genug, um jede Nachrichtenseite und Fernsehsendung mit einem Hauch Exotik und Dramatik zu pfeffern, aber gleichzeitig ungefährlich genug, um diese Beiträge auch zu schreiben und zu drehen. Wer als westlicher Journalist über den Nahostkonflikt berichtet, darf die Freiheit und Sicherheit der israelischen Demokratie genießen während er Cowboy-Geschichten im Westjordanland produziert und das Pfeifen der Raketen aus Gaza dokumentiert. Es mag zynisch klingen, aber diese Region ist ein Reporterhimmel. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 480 Journalisten sind allein Mitglied der israelischen Foreign Press Association, die Zahl dürfte in Wahrheit noch viel höher sein.

Hinzu kommen noch einmal tausende fremde Entwicklungshelfer und Aktivisten. Die NGO müssen ihre Daseinsberechtigung immer wieder belegen, deswegen veröffentlichen sie Pressemitteilung nach Pressemitteilung, organisieren Touren und verfolgen Projekte, die von Stadtgärtnern bis zum Graphic-Novel-Workshop reichen. Unterstützt werden die Hauptamtlichen von einer Schar Freiwilliger und Praktikanten, meistens gut ausgebildeten Akademikern aus Düsseldorf und Oslo, Manchester und Seattle.

Ich selbst bin ein Produkt dieser NGO-Maschine. Die Herbert-Quandt-Stiftung finanziert mir einen sechsmonatigen Aufenthalt, in dem ich studiere und als Journalist arbeiten kann; eine wunderbare Chance. Ich sehe aber auch, dass ich damit Teil eines größeren Nahost-Komplexes bin, indem sich politische, kulturelle, religiöse und geostrategische Interessen zu einem riesigen Knäuel verheddern, das unbeirrt durch die Nachrichtenspalten rollen kann und dadurch Aufmerksamkeit von anderen Konflikten abzieht.

5000 Jahre Geschichte und eine zentrale Lage

Aber diese Aufmerksamkeit hat ja gute Gründe: Jeder Stein in dieser Region ist greifbare, ewige Menschheitsgeschichte. Deswegen wird über die Wasserrechnung einer Kirche berichtet. Weil es nicht irgendeine Kirche ist, sondern die wichtigste der Christenheit. Was in der Grabeskirche geschieht, hallt in brasilianischen Favelas und chinesischen Untergrundkirchen wider und hat schon Weltmächte in den Krieg gezogen. Als Ariel Scharon über den Tempelberg marschierte, zitterte die muslimische Welt vor Empörung. 1967 verfielen selbst die säkularen Zionisten in einen kleinen neo-religiösen Rausch als israelische Fallschirmjäger die Klagemauer eroberten. Ein Armee-Rabbi blies dort den Schofar, einen Typ Trompete, mit dem schon die Mauern von Jericho zu Fall gebracht worden sein sollen – vor 4000 Jahren. Das kulturelle und symbolische Netz ist dicht gewebt. Jede Handlung kann hier in vielen verschiedenen Facetten schillern, aus sich selbst heraus, ohne externe Dramatisierung. Wenn sich Peer Steinbrück auf einen Eierlikör mit Genossen trifft, schillert nichts.

Aber die Bedeutung des Nahen Osten ist nicht nur auf dessen kulturelle und religiöse Dominanz gegründet, sondern auch auf dessen tatsächlicher geopolitischen Bedeutung. Diese Region war der Hauptbahnhof Afrikas, Europas und Asiens. Wer von einem der drei Kontinente zu einem anderen reisen wollte, kam fast zwangsläufig durch das Land, das heute Israel und Palästina bedecken. Wer es beherrschte, kontrollierte den Zugang zu Ägypten mit seinem fruchtbaren Niltal, den Zugang zu Syrien und dem heutigen Irak und weiter die Handelsrouten nach China und Indien. Mit der Erfindung von Flugzeug, Tanker, Auto hat sich dieses Problem etwas entschärft, aber alle drei brauchen noch Kerosin, Diesel, Benzin, um fortzukommen. Das Öl dafür stammt zwar zu großen Teilen aus den Golfstaaten. Aber global gesehen, ist das alles nur einen Steinwurf von Israel und Palästina entfernt.

Und der Bahnhof ist immer noch gut frequentiert! Seit Gründung Israels haben sich in dem Land 3 Millionen Menschen aus 90 Nationen niedergelassen und die Palästinenser sind durch Vertreibung, ökonomische Not und politische Enge inzwischen dermaßen weit verteilt über den Globus, dass einige Forscher schon von einer “palästinensischen Diaspora” sprechen. Beide Gruppen, jüdische Einwanderer und palästinensische Auswanderer, leiten die Debatten und Probleme des Landes an die zurückgebliebenen Freunde per Mail, Skype, Twitter und Facebook weiter. Dieses Phänomen ist nicht neu. Der israelische Historiker Tom Segev zitiert in seinem Epos “1967″ aus sorgenvollen Briefen, die Israelis am Vorabend des 6-Tage-Krieges an ihre amerikanische Verwandtschaft schickten.

Die Konflikte in dieser Region finden sich in ähnlicher Form auch in den Industriestaaten des Westens

Der Immigranten-Staat Israel wirft mit großer Wucht Fragen auf, die sich auch die Staaten des Westens stellen. Hier leben ursprünglich europäische Juden mit jenen aus dem arabischen Raum zusammen, mehr noch stellen christliche und muslimische Palästinenser ein Viertel der Bevölkerung des Staates. Im Süden gibt es Beduinen-Stämme, auf den Golan-Höhen im Norden die Drusen. Jede durchschnittliche israelische Stadt scheint diverser als Berlin-Neukölln zu sein.

Die Gründer von Israel, zumeist europäische Juden, haben den Staat nach westlichem Vorbild modelliert; eine parlamentarische, pluralistische Demokratie. Sie wollten das Land, das in der Mitte der arabischen Welt liegt, zu einem geistigen Bruder der europäischen und nordamerikanischen Länder machen. An diesem Anspruch wird Israel heute noch gemessen. Deswegen ist die Empörung in Europa und den USA so groß, wenn Einwanderinnen aus Äthiopien ohne deren Einwilligung Verhütungsmittel gespritzt worden sein sollen oder die palästinensischen Staatsbürger diskriminiert werden. Eine Demokratie mache so etwas nicht, heißt es dann. Der amerikanische Journalist Thomas Friedman geht in seinem Buch “From Beirut to Jerusalem” noch weiter: Er spekuliert, dass die Bürger Europas und Amerikas Israel so genau beobachten, weil Juden mit den 10 Geboten die ersten noch heute gültigen Moralgesetze der westlichen Welt vorgelegt hätten und sich selbst als Vorbild, als Licht unter den Nationen beschreiben. Wenn es dieses Land und Volk nicht schaffe, moralisch einwandfrei zu handeln, so beschreibt Friedman die Logik der Anderen, wer dann?

Keine andere Region der Erde vereint so viele Nachrichtenfaktoren

Wir glauben diese Region schon aus der Bibel, den verschiedenen Medien und persönlichen Gesprächen zu kennen. Wir haben Erwartungen, Meinungen, Assoziationen, wir urteilen schnell und scharf. So verstärkt sich die Debatte stetig selbst. Solides (Halb-)Wissen ist das Schmiermittel jeder Debatte: es senkt die Schwelle, zu diskutieren und seine Meinung zu sagen. Dabei bietet der Nahostkonflikt einen Luxus der anderen Konflikten unserer Zeit abgeht: eine klare übersichtliche Trennung zwischen den Gegnern entlang vermeintlicher ethnischer, religiöser und kultureller Linien. Israelis wie Palästinenser haben es geschafft, zwei starke, glaubwürdige Narrative zu entwickeln, die jeder Witterung durch Fakten standhalten. Sie sind wie breite, antike Säulen auf einem Hügel, an die sich der willige Diskutant anlehnen kann, mit Sonnenbrille und vor der Brust verschränkten Armen, um diese Länder zu betrachten und deren Bewohner nach den Guten und den Bösen zu ordnen, mit jener aggressiven Selbstgewissheit, die nur den Selbstgerechten eigen ist. So wird der Gaza-Krieg des vergangenen Jahres als nötige Verteidigung Israels oder als unnötiger Angriff auf ein diskriminiertes und eingesperrtes Volkes beschrieben. Nur selten lesen wir, dass es beides sein kann und tatsächlich ist: Verteidigung und Angriff.

Wenn die Bomben fallen oder Netanjahu um eine neue Koalition ringt, schaut dabei niemand auf Ihren Garten. Doch ist der bestimmt ein wahres Kleinod, der Augapfel der Nachbarschaft, das Eden der Reihenhaussiedlung und die Ruhe, die ich unterwasser einatme, ausatme, einatme ist unvergleichlich.

Aber Sie haben das bestimmt schon bemerkt. “Garten statt Gaza” war natürlich nur ein überdrehter, rhetorischer Kunstgriff meinerseits, um Sie bei der Stange zu halten. Ein sachlich korrekter Vergleich lässt uns fragen: Welche andere Region der Welt könnte die Aufmerksamkeit so lenken wie es der Nahe Osten seit Jahrtausenden schafft?

Manche sind politisch äußerst wichtig, andere kulturell oder ökonomisch, ich aber kenne keinen Flecken, der in allen Punkten so bedeutend ist wie der Nahe Osten. Vielleicht ist diese Bedeutung nur eingebildet oder konstruiert, der Nahe Osten in Wahrheit ein Ballon, der erst fliegen kann, wenn wir genügend heiße Luft hinein gepumpt haben. Aber das ändert nichts am Resultat. Wir sind besessen, Exorzismus aussichtslos. Ob wir deswegen über den Tod eines Palästinensers oder eines Israelis wirklich prominenter berichten sollten als über den Tod eines Kongolesen ist eine andere Frage.

Aber vielleicht stimmt das ja auch alles nicht, was ich hier geschrieben habe. Sagen Sie mir, was Sie denken. Aber Vorsicht, es könnte ein Stück dauern bis ich Ihre Kommentare lese. Die Koalitionsverhandlungen in Israel werden intensiver. Ich muss erst wissen, wie sie ausgehen.

Ich danke Ahoi Polloi, der mich bei Twitter auf das Argument der selbstverstärkenden Debatte brachte. Er ist übrigens nicht nur ein guter Spieler im Gedankenpingpong, sondern auch brillianter Cartoonist.