Der Hitchens in uns – was Englands größter Polemiker den Digital Natives lehren kann

Montag, der 16. Dezember 2013 @ 18:40

Vor zwei Jahren starb der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens. Er war ein großer Polemiker, Buch-Fanatiker und hat nie getwittert. Genau deswegen kann er den Digital Natives viel lehren. Eine Handreichung in 5 Punkten.

Es gibt in meiner noch jungen Karriere als Wortringer nur wenige Dinge, die ich bedauere; ich hätte an der Universität etwa weniger dem strengen und wenig nahrhaften Lektüre-Plan folgen sollen. Das Lesen der kontextlosen, auf Effizienz getrimmten wissenschaftlichen Aufsätze ist gut für das Abschlusszeugnis gewesen, aber schlecht, um die Welt zu verstehen. Damals hätte ich lieber richtige Bücher lesen und mir so einen fetten Ring aus Wissen und Argumenten anfressen sollen.

Aber das Lesen kann ich nachholen, da sollte mein Bedauern nicht als Entschuldigung für Faulheit dienen. Was ich nicht nachholen kann: den „Hitch“ zu treffen. Dabei hätte ich von diesem trunksüchtigen Kettenraucher noch viel lernen können. Nicht das Trinken, nicht das Rauchen: Wie man bestechend scharfe Argumente formuliert (mit spitzer Feder, das ist eine handwerkliche Notwendigkeit) und wie man schreibend überleben kann in dieser digitalen Welt. Auch wenn Hitchens vor zwei Jahren gestorben ist und nie auf Twitter war oder Tumblr, er ist ein Lehrmeister des digitalen Zeitalters.

In Deutschland kennt kaum jemand Hitchens. In der anglo-amerikanischen Welt aber war er ein Titan, der Meister der politischen Debatte, der größte Polemiker zwischen Los Angeles und Sydney. Die Leser jauzchten, wenn sie seine Texte lasen oder sie fluchten und schimpften und wünschten ihn zum Teufel, aber gelesen hat ihn jeder.

Er begann seine Karriere als feuriger Sozialist in Oxford, schrieb bald für den New Statesman und immigrierte schließlich in die USA, wo er vor allem für The Nation und Vanity Fair arbeitete. Berühmt wurde er für seinen standhaften Atheismus, seine Wende vom Saddam-Hussein-Unterstützer zum entschiedenen Gegner. Und für seine penetrante, treffsicher formulierte Kritik an Henry Kissinger und Mutter Theresa. Letzterer warf er vor, mehr Sektenführerin denn Engel der Armen zu sein und in Kissinger sah er einen Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Hitchens verabscheute Kissinger so sehr, dass er ihn noch ein letztes Mal attackieren musste. Das war ihm so wichtig wie die Hochzeit seiner Kinder und der Wiederaufbau des World Trade Centers. Er schrieb, da war er längst an Krebs erkrankt, ohne Aussicht, den Tumor zu besiegen:

Will I really not live to see my children married? To watch the World Trade Center rise again? To read — if not indeed write — the obituaries of elderly villains like Henry Kissinger and Joseph Ratzinger?

Als ich seine Bücher und Essays gelesen habe, habe ich viel gelernt über die Welt, aber noch mehr über die Haltung, mit der wir Schreibenden dieser Welt begegnen müssen. Er hat nichts von dem hier unten so gesagt, aber zwischen seinen Zeilen leuchten diese kleinen Wahrheiten immer wieder auf. Ich war anmassend genug, sie aufzuschreiben:

1. Worte sind wichtig. Was wir sagen, macht einen Unterschied.

Die digitale Welt wirkt auf mich – und da bin ich nicht allein – wie wie eine künstliche Welt, durch die wir unsere digitalen Ichs steuern als gäbe es die Möglichkeit neu zu laden, alles vergessen zu machen. Wir bauen darauf, dass unsere Worte im Informationsstrom verschwinden. Tun sie auch – aber auch nur so lange bis sie jemand da wieder heraus angelt. Wir haben nur ein Leben und was wir im Netz schreiben, bleibt dort, auch wenn wir nicht mehr schreiben können. Hitchens wusste das und er hat mit der gleichen Radikalität und Ernsthaftigkeit geschrieben, mit er auch gelebt hatte. Drei Tage vor der tödlichen Krebs-Diagnose sagte er:

One should try to write as if posthumously. Because then you’re free of all the inhibition that can cluster around even the most independent-minded writer. You don’t really care about public opinion now, you don’t mind about sales, you don’t care what the critics say. You don’t even care what your friends, your peers, your beloved think. You’re free. Death is a very liberating thought.

2. Haltung ist wichtig.

Haltung ist wichtig, auch wenn wir jetzt den neuen Kanzleramtschef Peter Altmaier antwittern können. Er bleibt Regierung und wir Regierte. Er ist die Macht, die wir Schreibenden kontrollieren müssen. Altmaier-Smileys hin oder her.

Man muss nur einmal die äußerst unvollständige Liste derjenigen sehen, die Hitchens attackierte und die er verteidigte, um zu verstehen, dass diese Haltung nicht veräußerbar ist.

Er kritisierte:
Saddam Hussein, Karl Marx, George W. Bush.

Er verteidigte:
George W. Bush, Karl Marx, Saddam Hussein.

Es wirkt paradox, ihn nun als Mann mit Haltung zu bezeichnen, denn diese Aufzählungen zeugen eher von der Arbeit eines Opportunisten. Dabei ist es ganz einfach: Die Welt hatte sich geändert, also änderte Hitchens seine Meinung. Aber seine Werte dahinter blieben gleich.

3. Lies! Verdammt nochmal.

Wir sind ja digital gebildet. Unser Credo ist deshalb: Wir müssen nicht alles wissen, nur, wo es steht. Das kann aber keine Entschuldigung sein, irgendwann wirklich und gut zu lesen, was da eigentlich steht.

Hitchens hat sehr viel gelesen. 2008 beschreibt er seine ziemlich große Wohnung in Washington D.C.:

For some reason, the available shelf space, which is considerable, continues to be outrun by the appearance of new books. […] It ought to be easy to deal with this excess, at least with the superfluous new arrivals: give them away to friends or take them to a secondhand bookseller. But the thing is, you never know. Two new histories of the Crusades have appeared in the past year, for instance, and I already have several books on those momentous events. How often, really, do I need to mention the Crusades in a column or a review? Not that often—but then, it suddenly occurs to me, not that seldom either. Best be on the safe side.

Er las nicht zum Selbstzweck. Er las, weil er wusste, dass irgendeine Meinung zwar schnell unters Volk gebracht ist, aber genauso schnell vergessen. Wenn wir die Menschen überzeugen, berühren, aufrütteln wollen, müssen wir glaubwürdig sein und es bleiben – und das geht nur, wenn wir wissen, wovon wir sprechen. Und dazu gehören dicke Bücher.

4. Wir haben Augen und wir sollten es wagen, sie zum Sehen zu nutzen.

Es gibt einen Text von Hitchens, der ragt heraus aus seiner Sammlung von guten Arbeiten. Darin beschreibt er, wie das Entlaubungsmittel Agent Orange, das die Amerikaner massenweise im Vietnam-Krieg versprühten, noch heute Kinder mit Missbildungen auf die Welt kommen lässt. Hitchens schreibt aus Vietnam:

It was bad enough, in that spare hospital, to meet the successful half of a Siamese-twin separation. This was a more or less functional human child, with some cognition and about half the usual complement of limbs and organs. But upstairs was the surplus half, which, I defy you not to have thought if you had been there, would have been more mercifully thrown away. It wasn’t sufficient that this unsuccessful remnant had no real brain and was a thing of stumps and sutures. („No ass!,“ murmured my stunned translator in that good-bad English that stays in your mind.) Extra torments had been thrown in. The little creature was not lying torpid and still. It was jerking and writhing in blinded, crippled, permanent epilepsy, tethered by one stump to the bedpost and given no release from endless, pointless, twitching misery. What nature indulges in such sport? What creator designs it?

Hitchens war an den Orten, über die er geschrieben hat. Iran, Irak, Vietnam, Kongo, Chile. Sein Lesen, Sehen, Schreiben bedingen einander, seine Texte sind immer eine luzide Mischung aus Hintergrund-Wissen, Close-Up und scharfer Analyse.

Dabei ließ sich Hitchens nicht von seiner eigenen Attittüde beirren. Er befürwortete zwar den „Krieg gegen den Terror“, Al-Quaida geiselte er als Islamofaschismus und die kulturrelativistischen Linken als deren Steigbügelhalter. Und doch nannte er Waterboarding beim Namen: Er nannte es Folter und attackierte die Bush-Regierung hart dafür. Hitchens war einer der Wenigen, der den Krieg gegen den Terror unterstützte, aber nicht vorbehaltlos. Seine nunacierte Meinung, die in den Stellungskämpfen der amerikanischen Öffentlichkeit einzigartig war während des Irak-Krieges, hatte einen einfachen Grund: Er hatte sich selbst der Marter des Waterboarding unterzogen.

5. Ziel über die Gürtellinie.

Frech müssen wir Schreiber sein, das spitze Wort ist unsere schärfste Waffe. Aber dabei müssen wir anständig bleiben und wenn wir polemisch werden wollen, sollten wir vorher die Fakten gesammelt und sortiert haben (siehe Punkt 3 und 4). In manchen Teilen der digitalen Kommunikation läuft es genau andersherum. Da folgt der Inhalt der Polemik. Spott und Ironie wirken aber dann am Stärksten, wenn sie von einem ernsthaften Menschen kommen. Sonst bleibt es Keiferei. Zugegeben, Hitchens zielte auch einmal unter die Gürtellinie: „The Missionary Position“ nannte er ein Buch über Mutter Theresa.

*

Aber etwas kann ich nicht ändern: Dass Hitchens diesen Artikel wohl nicht gemocht hätte; denn wie sich dieser Text mit seiner Listenform und seiner Signalwort-Service-Überschrift an die Leser heran wanzt, so ähnelt er den bunten Diät-Tipps in den Frauenzeitschriften.

Also lest seine Bücher, fresst, stopft, schlemmt. Werdet fett.

Bildquelle: Wikipedia

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